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Über 100 Jahre Großenritter MusikzugIn der deutschen Arbeitersportbewegung organisierten sich bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts Sportler, die aus der Arbeiterbewegung stammten. Ihnen widerstrebten die in der Deutschen Turnerschaft zusammengeschlossenen Vereine des Kaiserreichs aufgrund ihrer nationalistischen Ausrichtung. Diese Aktivitäten wurden durch das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie („Sozialistengesetz“) am 19. Oktober 1878 im Reichstag des Deutschen Kaiserreichs verboten. Bald nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes am 30. September 1890 gründeten die „Arbeiter-Turner“ am 2. Mai 1893 in Gera einen eigenen Dachverband, den Arbeiter-Turnerbund (ATB). Als Ergebnis dieser Entwicklung wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Großenritte etwa zur gleichen Zeit mit der Gründung von zwei (!) Spielmannszügen begonnen. Einige junge Männer, die in ihrer Militärzeit musikalische Kenntnisse erworben hatten, trafen sich zunächst mit gleichgesinnten Freunden aus Großenritte und aus den Nachbargemeinden, um gemeinsam zu musizieren. In der Festschrift des benachbarten Musikvereins „1905 Elgershausen“ war anlässlich des 100-jährigen Bestehens 2005 zu lesen, dass sich die Spielleute aus Elgershausen bereits in ihrem Gründungsjahr 1905 mit ihren Freunden aus Großenritte an der „Lützelbrücke“ trafen, um dort gemeinsam zu üben. Im Jahre 1908 trat erstmals unter der Leitung von Adam Lange (Gänsefeldstraße) ein Großenritter Spielmannszug des Arbeiterturn- und Sportvereins in der Öffentlichkeit auf. Deshalb feiert man in Großenritte erst in 2008 das 100-jährige Jubiläum! Im Jahre 1910 folgte der zweite Großenritter Spielmannszug unter der Leitung von Heinrich Neuroth (Schulstraße), der sich der Deutschen Turngemeinde 07 angeschlossen hatte. Bei zahlreichen Anlässen waren fortan beide Spielmannszüge mit Pfeifen- und Hörnermärschen in Großenritte und Umgebung zu hören. Während des Ersten Weltkrieges (1914 - 1918) kam der Übungs- und Spielbetrieb der beiden Großenritter Spielmannzüge fast völlig zum Erliegen. Aber schon bald nach dem Krieg wurde die Arbeit wieder aufgenommen, was sich durch zahlreiche Verluste im Krieg zunächst recht schwierig gestaltete. Diese Lücken konnten nur allmählich durch Neuzugänge ausgeglichen werden. Am 30. Januar 1933 ernannte der 85-jährige Reichspräsident Paul von Hindenburg den damals 44-jährigen Adolf Hitler zum Reichskanzler. Der durch Brandstiftung mit mehreren Brandherden entstandene Reichstagsbrand in Berlin in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 lieferte Hitler den Vorwand, bereits am 28. Februar 1933 eine Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat („Reichstagsbrandverordnung“) erlassen zu können. Damit wurden die Grundrechte der Weimarer Verfassung praktisch außer Kraft gesetzt und der Weg freigeräumt für die nunmehr „legalisierte“ Verfolgung der politischen Gegner der NSDAP durch Polizei und SA. Somit war diese Verordnung eine wesentliche Grundlage für die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur. Nachdem alle 81 Reichstagsabgeordneten der KPD vor der Abstimmung im Reichstag verhaftet oder ermordet wurden bzw. geflüchtet oder untergetaucht waren, und zahlreiche Abgeordnete der SPD inhaftiert wurden oder geflohen waren, stimmten im Reichstag lediglich 94 Abgeordnete der SPD gegen das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich („Ermächtigungsgesetz“). Alle übrigen 444 Abgeordneten stimmten am 23. März 1933 für das Gesetz, das am 24. März 1933 verkündet wurde. Mit diesem Gesetz wurde die Weimarer Verfassung endgültig außer Kraft gesetzt. Es führte zum Verbot aller Parteien außer der NSDAP und zum Verbot der Arbeiterturn- und Sportvereine. Die politischen Verhältnisse hatten auch unmittelbaren Einfluss auf die weitere Entwicklung der beiden Großenritter Spielmannszüge, denn sie wurden noch im Jahre 1933 zwangsweise vereinigt. Die Leitung dieses Spielmannszuges lag bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges (01. September 1939) in den Händen von Heinrich Neuroth. Während des Zweiten Weltkrieges musste der Übungs- und Spielbetrieb erneut eingestellt werden. Doch auch nach diesem schrecklichen Krieg fanden sich wieder engagierte Männer, die sich um einen Neuaufbau des Spielmannszuges bemühten. Initiator des Neubeginns war Hermann Hartmann. Neben persönlichen Gesprächen mit ehemaligen Spielleuten und dem Werben um neue Interessierte suchte er in Großenritte alle noch verfügbaren Instrumente (Trommeln, Pfeifen, Hörner) zusammen, so dass schon bald wieder in der Bahnhofs-Gaststätte Koch mit dem Übungsbetrieb begonnen werden konnte. Schon bald gab es wieder öffentliche Auftritte des Spielmannszuges, wie es auf dem aus dem Jahre 1948 unter der Stabführung von Justus Hartmann (Friedrichstraße) zu sehen ist, damals noch in "Zivilkleidung". Im Jahre 1949 wurde das Erscheinungsbild des Spielmannszuges verändert: man trat jetzt in der traditionellen Turnerkleidung "ganz in weiß" auf, wie es auf der Aufnahme zu sehen ist. Auch in den Gemeinden der Umgebung kam es in der Folgezeit zu Neu- bzw. Wiedergründungen von Spielmannszügen, was dazu führte, dass bereits im Jahre 1952 nach Anregung der Großenritter Spielleute auf der Langenbergkampfbahn ein Gau-Spielleutetreffen stattfinden konnte. Als Justus Hartmann 1954 aus gesundheitlichen Gründen die Stabführung niederlegen musste, wurde er abgelöst vom damals 23-jährigen Hans Radloff. Die Geschäftsführung des Spielmannszuges lag in den Händen von Ludwig Hempel. Abteilungsleiter war in dieser Zeit Walter Hempel. Das erste große Jubiläum (50 Jahre) feierte der Großenritter Spielmannszug in Verbindung mit einem weiteren Gau-Spielleutetreffen im Jahre 1958. Abteilungsleiter war bei diesem Großenritter Großereignis Hans Radloff, die Stabführung lag in den Händen von Kurt Weiler. Nach dem Jubiläum wurde der Spielmannszug musikalisch ergänzt durch eine Fanfarengruppe, so dass in den folgenden Jahren neben den traditionellen Märschen mit Trommeln und Pfeifen bzw. mit Trommeln und Hörnern auch Märsche mit Trommeln, Pfeifen und Fanfaren dargeboten werden konnten. Mit der Anschaffung von weinroten Trainingspullovern im Jahre 1963 wurde erstmals von der traditionellen Spielleute-Kleidung (weiße Hose, weißes Hemd) abgewichen. 1967 unternahm die Abteilung unter der Leitung von Hans Radloff die ersten Schritte in Richtung Blasmusik. Musikalisch umgesetzt wurde dieser Umbruch vom damaligen Übungsleiter Georg Döhne, unterstützt von Adam Köhler und Dittmar Werner. Das 60-jährige Jubiläum konnte dadurch im Jahre 1968 bereits gefeiert werden als „Musik- und Spielmannszug“. Im Jahre 1969 verabschiedete man die traditionelle Turner-Kleiderordnung vollständig: "Kragen und Schlips" waren seither obligatorisch. Weinrote Jacketts, graue Hosen und gelbe Krawatten zierten nun die Musikerinnen und Musiker. Eine für damalige Verhältnisse "sensationelle" Idee wurde 1971 in die Tat umgesetzt: man produzierte eine Schallplatte mit vier Musikstücken, die bereits innerhalb kurzer Zeit ausverkauft war. Die musikalische Entwicklung wurde 1974 erneut forciert, indem man den ehemaligen Berufsmusiker Heinz Bax als musikalischen Leiter verpflichten konnte. Unterstützt wurde er in dieser Zeit von Dieter Menzel. Das Jahr 1979 kann man als weiteren Meilenstein in der Geschichte der Abteilung bezeichnen. Nach insgesamt 16 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit als Abteilungsleiter trat Hans Radloff im Alter von 48 Jahren von seinem Amt zurück. Besonderer Dank gilt ihm schon allein deshalb, weil er anschließend bis zu seinem Tode im Jahr 1999 der Abteilung weiterhin immer zur Verfügung stand, wenn diese seine tatkräftige Unterstützung und seinen Rat benötigte. Als vorbildlich und nachahmenswert ist hier vor allem die von ihm initiierte Seniorenarbeit zu nennen, verbunden mit der Leitung des Großenritter Senioren-Spielmannszuges, den es im Jubiläumsjahr leider nicht mehr eigenständig gibt. Die Vereinskleidung wurde 1979 erneut gewechselt: Graue Jacketts, schwarze Hosen und bunte Krawatten bestimmten für die Folgejahre das Erscheinungsbild des Musikzuges. Der Musikzug änderte sich in diesen Jahren aber nicht nur durch die neuen Uniformen. Auffällig ist seither nicht nur die ständig gestiegene musikalische Qualität, sondern auch das verringerte Durchschnittsalter und der gestiegene Anteil des weiblichen Geschlechts. Ermöglicht wurde diese musikalische und personelle Entwicklung durch eine intensive systematische Jugendarbeit. Diese wurde 1972 von Dieter Esser eingeleitet, über viele Jahre unterstützt von Gerhard Schaub. Nachdem Hans Radloff 1979 nicht mehr für dieses Amt zur Verfügung stand, wurde Leo Plum zum Abteilungsleiter gewählt. Über 20 Jugendliche wurden in den Folgejahren von ihm und von Reiner Heine in zusätzlichen Proben und Notenkursen mit dem Rüstzeug versehen, das ein modernes Blasorchester benötigt, um von den Zuhörern akzeptiert zu werden. Im Jubiläumsjahr 1983 (75 Jahre) begleitete der Musikzug eine Delegation der Stadt Baunatal in die französische Stadt Vire (Normandie), wo man unter der musikalischen Leitung von Reiner Heine gemeinsam mit dem Musikzug vom KSV Baunatal bei den Feierlichkeiten zur Gründung einer Städtepartnerschaft zu gefallen wusste. Die Partnerschaften der Stadt Baunatal werden seit diesem Jahr aktiv vom Musikzug des GSV Eintracht Baunatal mitgestaltet. So konnte man die Partnerstädte Vire (1983, 1987, 1992, 1998), San Sebastian de los Reyes (1990), Sangerhausen (1990) und Vrchlabi (2004) besuchen und zahlreiche Freundschaften schließen. In der Satzung des Vereines heißt es: "Der Verein verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke...". Dem trägt die Abteilung seit vielen Jahren Rechnung. Neben vielen Veranstaltungen im Großenritter Sportverein Eintracht Baunatal und in der Stadt Baunatal finden regelmäßig Benefiz-Veranstaltungen statt. Nachdem man erstmals 1973 zugunsten der „Aktion Sorgenkind“ musizierte, finden seit einigen Jahren Kirchenkonzerte statt, deren Erlöse sozialen Einrichtungen der Stadt Baunatal zufließen. Bis zum Jubiläumsjahr konnten auf diese Weise inzwischen über 4.700,00 € gespendet werden. In den letzten Jahren absolvierte der Musikzug jährlich zwischen 25 und 50 musikalische Auftritte in Festzelten, in Parks, auf öffentlichen Plätzen und in Konzertsälen, vorbereitet in jeweils über 40 Proben sowie jährlichen Proben-Wochenenden. Bemerkenswert ist dabei besonders die Zuverlässigkeit der Musikerinnen und Musiker. Selten sind weniger als 30 Aktive im Einsatz. Festgehalten wird auch an den mitunter sehr anstrengenden Festumzügen, einer mittlerweile 100-jährigen Tradition. Zu den Höhepunkten zählte dabei mit Sicherheit die Teilnahme an den Hessentagsfestzügen in Kassel (1964), Korbach (1997) und Baunatal (1999). Für die kommenden Jahre ist eine weitere Steigerung der musikalischen Qualität geplant. Diese ist nur möglich durch eine konsequente Probenarbeit, wie sie seit Jahren im Musikzug des GSV Eintracht Baunatal mit qualifizierten Übungsleitern (z.T. Berufsmusiker) praktiziert wird. Eine Entscheidung von weitreichender Bedeutung wurde am 27. Juni 1992 getroffen: der Musikzug des GSV Eintracht Baunatal hatte am Tag darauf einen Auftritt im großen Zelt des Baunataler Volksfestes. Der damalige musikalische Leiter Reiner Heine war kurzfristig verhindert, da er eine Schülerin aus der Baunataler Partnerstadt San Sebastian de los Reyes vom Frankfurter Flughafen abholen wollte. Er bestellte den damals gerade 19-jährigen Andreas Alschinger zu sich, um ihm in einem Gespräch "schonend" beizubringen, dass er am nächsten Tag den Musikzug dirigieren müsse. Diese Entscheidung blieb nicht folgenlos, denn nicht zuletzt durch diesen unverhofften Einsatz entschloss sich Andreas Alschinger, Berufsmusiker zu werden. Nach seiner musikalischen Ausbildung im Ausbildungsmusikkorps der Bundeswehr in Hilden und einem Musikstudium gehört er seit Herbst 1998 dem Heeresmusikkorps 2 in Kassel an. Andreas Alschinger stand somit dem Musikzug, dessen musikalische Leitung er fast 10 Jahre ausübte, verstärkt zur Verfügung. Umso schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Über sieben Monate lang wurde nach einem Dirigenten gesucht, der menschlich und musikalisch den Vorstellungen des Musikzuges entsprach. Während der Suche dirigierte der stellvertretende musikalische Leiter Karsten Bachmann das Orchester. Anfang 2006 konnte schließlich mit Peter Cloos ein passender Nachfolger für Andreas Alschinger gefunden werden. Peter Cloos ist ebenfalls als studierter Orchestermusiker Berufssoldat im Heeresmusikkorps 2 in Kassel und dort als Musikkorpsführer und Solo-Hornist tätig. Er setzt sich seit 2006 mit Freude und Engagement sehr erfolgreich dafür ein, dass es mit der musikalischen Entwicklung des Musikzuges weiter bergauf geht. Dank gilt an dieser Stelle allen musikalischen Leitern seit der Hinwendung zur Blasmusik im Jahre 1967: 1967 – 1973 Georg Döhne Seit 2003 hat der Musikzug wieder einmal „Neuland“ betreten: Um die bislang schon außerordentlich erfolgreiche Jugendarbeit der Abteilung auf einen soliden Unterbau zu setzen, finden seither regelmäßig Kurse wie die Musikalische Früherziehung (Kinder von 4 – 6 Jahren) und der Blockflötenunterricht (Kinder von 6 – 8 Jahren) statt. Für Kinder ab acht Jahren wird dann der Instrumentalunterricht angeboten (Konzertflöte, Klarinette, Saxofon, Trompete, Flügelhorn, Tenorhorn, Bariton, Posaune, Waldhorn, Tuba und Schlagzeug). Nach ein bis zwei Jahren werden die Kinder und Jugendlichen dann im Jugendorchester des Großenritter Musikzuges an das gemeinsame Musizieren herangeführt. Möglich ist eine musikalische Weiterentwicklung aber nur dann, wenn das "Umfeld" und die "Chemie" in der Abteilung stimmen. Dazu gehören neben den musikalisch aktiven Mitgliedern der Abteilung auch deren Partnerinnen und Partner, der "Frauen-Club", die "Senioren", auf deren Rat man noch lange nicht verzichten kann, der Festausschuss, der Vorstand und besonders der Nachwuchs der Abteilung sowie deren Eltern. |
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